Seniorenbegegnung

... und immer nur alte Leute,
die beschäftigt werden wollen ...

(Ein Brief an eine gute Freundin)

Hallo Brigitte,
ich muss seit gestern immer wieder an dein entsetztes Gesicht denken ... wir waren uns mitten in der Stadt seit Jahren zum ersten Mal wieder begegnet und weil ich auf dem Weg zum Dienst war, hatte ich erwähnt, dass ich in der Seniorenbegegnungsstätte des Roten Kreuzes auf dem Münzplatz arbeite. Du hast die Augen verdreht und in gespielter Verzweiflung geseufzt: "Oh Gott, und immer nur alte Leute, die beschäftigt werden wollen, wie furchtbar!" Ich war wirklich in Eile und hab´ nur noch so was ähnliches wie: "Da liegst du aber verkehrt!" gemurmelt - und dann haben wir uns fest vorgenommen, dass wir uns unbedingt noch mal in Ruhe treffen müssen! - Bis dahin will ich aber nicht mehr warten - deshalb erzähle ich dir jetzt was von "den furchtbaren alten Leuten" und der "Seniorenbegegnungsstätte" - und Fotos schicke ich dir auch mit, dann kannst du dir besser vorstellen, was bei uns alles los ist!
 
Das hier ist die "Alte Münze" - mitten im Herzen der Altstadt. Seit 1963 gibt's schon das Rote Kreuz in diesem Haus (wenn man's genau nimmt, mit einer Unterbrechung von fünf Jahren, denn in dieser Zeit war die Begegnungsstätte in die Kardinal-Krementz-Straße ausgelagert, weil die Polizei in der "Alten Münz" ihre Büros hatte. 1978 ging's dann wieder zurück auf den Münzplatz mit "Leben in der Bude". Was die Senioren angeht, von denen du glaubst, sie müssten "irgendwie" beschäftigt werden, da kann ich dir nur sagen: Die brauchen niemanden, der sie "beschäftigt"!
 
Senioren sind, wie ich sie erlebe, genau wie junge oder mittelalte Leute und wissen, was sie wollen. Sie haben den "Überblick" und wählen aus dem großen Markt der Möglichkeiten genau das, was ihnen gefällt. Das, was ihnen Spaß macht, das, was ihnen gut tut. Und da bietet die "Alte Münze" das ganze Jahr hindurch die unterschiedlichsten Möglichkeiten:
 
Bei uns kannst du tanzen und Yoga machen, wir haben zwei Gymnastikgruppen und eine Runde, die sich jede Woche zum Gedächtnistraining trifft, du könntest handarbeiten (die Frauen in der Handarbeitsgruppe stricken und nähen und häkeln, dass es Spaß macht ihnen zuzusehen), du könntest aber auch im Singkreis mitsingen der im Salonorchester RONDO CONFLUENTIA mitspielen natürlich könntest du auch einfach nachmittags ins Senioren-Café, kommen, um ein Schwätzchen zu halten, du könntest Skat spielen oder Rommé, ...
 
Mit einem Wort gesagt: du könntest eine Menge Vergnügen haben! Aber leider hast du für all das noch keine Zeit wenn du jedoch scharf nachrechnest, stellst du fest, dass du theoretisch in genau 9 Jahren pensioniert sein wirst!
 
Das bedeutet, in deinem Terminkalender würde gleich nach Silvester notiert sein: "Dreikönigssingen" mit dem Singkreis im Roten Kreuz und du würdest, wenn's in der ganzen Stadt schon keinen Weihnachtsbaum mehr gibt, in der "Alten Münz" genau unter demselben sitzen und mit den Sternsingern und dem Chor Weihnachtslieder singen. Dann würdest du dich allerdings ganz schnell umstellen müssen, denn wenige Wochen später wird schon wieder gesungen. Das klingt dann mehr nach "so ein Tag, so wunderschön wie heute" und Prinz und Confluentia, die sich mit dem gesamten Hofstaat die Ehre geben, singen lauthals mit.
 
Da würdest du dann den Unterschied kennen lernen zwischen Sitzungen im Fernsehen, wo man mühsam den "Witz" entdecken muss und der in der "Münz", wo jede Büttenrede Begeisterung auslöst. Dabei steigen hier keine professionellen, bestellten Redner in die Bütt´ sondern die närrischen Senioren der "Alten Münz"!

Ab April gehen wir dann auf Reisen einmal im Monat starten wir in die Eifel, in den Hunsrück, in den Taunus oder in den Westerwald. Jedes Mal sieht die Welt anders aus: im Frühjahr kommt gerade das erste Grün zum Vorschein und wir freuen uns über jeden Strauch, der Knospen hat. Später geht es vorbei an blühenden Wiesen und dann wird Heu gemacht und Getreide geerntet und im Herbst, wenn's schon leicht ungemütlich wird, bewundern wir noch einmal, wie der Wald sich färbt. Jedes Mal kehren wir irgendwo ein, gönnen uns was Gutes, sehen Neues und Interessantes und kommen am Abend zufrieden und "schön müde" wieder nach Hause.

Ich merke gerade, dass ich von "wir" und nicht von "den Senioren" rede, die ich nach deiner Einschätzung zu "beschäftigen" habe vielleicht liegt's daran, dass ich selber auch genieße dass das, was ich tue, oft mit richtiger Arbeit verbunden ist, oft aber auch mit sehr viel Vergnügen!
 
Dabei fällt mir ein, ich hab´ dir noch gar nichts von unseren ehrenamtlichen Übungsleiterinnen und Helferinnen erzählt. Da trifft das mit dem "Vergnügen" und der "Arbeit" genauso zu! Wenn du z.B. ein bisschen Zeit übrig hättest nach deiner Pensionierung, oder auch vorher - und Freude daran finden würdest mit Älteren Menschen zu arbeiten. könntest du z.B. eine Ausbildung beim Roten Kreuz machen: du würdest beim Landesverband in Mainz Grund- und Fortbildungskurse absolvieren, du würdest einen "Übungsleiterschein" erwerben, und dann könntest du in unserer Seniorenbegegnung Kurse leiten: Gymnastik, Yoga, Tanzen oder Gedächtnisspiele.
 
Wenn du dabei an "Geld verdienen" gedacht hast, bist du in der "Alten Münz" allerdings an der verkehrten Adresse: ehrenamtliche Übungsleiterinnen arbeiten für eine bescheidene Aufwandsentschädigung und natürlich wird das Fahrgeld übernommen. Aber für unsere "Ehrenamtlichen" ist zu aller erst wichtig, dass die Frauen und Männer, die etwas für ihre geistige und körperliche Beweglichkeit tun wollen, gerne in die jeweilige Gruppen kommen, sich dort wohlfühlen und sich jede Woche neu auf das Zusammentreffen freuen. Im Laufe von Jahren entstehen ganz persönliche Bindungen. Ich höre immer wieder, dass die Leitung der Gruppen nicht "Einbahnstraße" bedeutet, sondern ein gegenseitigem "Geben und Nehmen".
 
Genauso ist das bei den Helferinnen in der Küche: die "Münz" könnte schließen, gäbe es nicht die Helferinnen. Der ganz normale Alltag erfordert mindestens eine, meistens aber zwei Helferinnen. Sie kennen längst die Vorliebe der Gäste im Senioren-Café, wissen, wer Wasser aus dem Kühlschrank will und wer Zimmertemperatur bevorzugt... Helferinnen "speisen" Besucher und Besucherrinnen nicht ab, sondern freuen sich über jeden einzelnen Gast. Sie halten ein bisschen die Hand über "Neue" und sind das, was man die gute Seele eines Hauses nennt. Es gäbe kein Grilltest im Wald mit 80 Gästen, keine Karnevalssitzung und kein RONDO-Konzert mit einer aus den Nähten platzenden "Alten Münz", gäbe es nicht die unermüdlichen Helferinnen in der Küche.
 
 
Brigitte, merkst du, wie sehr mir daran liegt, dir deutlich zu machen, wie viele Möglichkeiten eine "Seniorenbegegnungsstätte" bietet? Möglichkeiten, ein Hobby zu pflegen, Möglichkeiten, etwas für seine Gesundheit zu tun, Möglichkeiten, eigene in einem langen Leben erworbene Kompetenzen und Fähigkeiten für andere einzusetzen, ... Möglichkeiten, freie Zeit vergnüglich mit anderen zu verbringen.

Weißt du, was mir noch vorschwebt? (Wie sollst du das wissen!) Irgendwann wurde ich gern so was wie "regelmäßige Gesprächsrunden" in der "Alten Münz" einführen, Gesprächsrunden, in denen Leute, die daran Interesse haben, sich zusammensetzen und erzählen: von ihrer Jugend, von ihrer Schulzeit von schweren und von schonen Zeiten, was gut war und was man sich anders gewünscht hätte, von Abschieden von Menschen, mit denen jede und jeder gelebt und vielleicht könnten in dieser Runde auch ganz junge Menschen sitzen, die zuhören würden um diese "Alten" verstehen zu lernen und die wiederum etwas von sich erzählen würden von ihrer Angst keine Ausbildungsstelle zu bekommen oder keinen Arbeitsplatz und auch von "Lust auf Leben".
 
Bei "Lust auf Leben" geht mir gerade auf, dass ist es, was mich an dieser Arbeit in einer Seniorenbegegnungsstätte so überzeugt: von vielen Älteren Menschen lerne ich, dass sie, trotz aller Einschränkungen, die älter werden mit sich bringt, trotz Krankheit und manchen Schwierigkeiten ungeheuer viel "Lust auf Leben" haben!

Brigitte, das war ein langer Brief aber es steht noch längst nicht alles drin, was "DRK-Seniorenbegegnungsstätte auf dem Münzplatz" ausmacht. Komm´ einfach bei Gelegenheit mal vorbei und nimm dir unser Programm mit, jedes Vierteljahr gibt's ein neues! Ich freu´ mich, dich zu treffen aber erzähl´ mir nie wieder was von "alten Leuten, die beschäftigt werden wollen"!!!

Liebe Grüße

Ilse Diewald
DRK Kreisverband Koblenz-Stadt e. V.


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